"...auf dem Dach ein Wald"

Foto-Text-Ausstellung von Tako Robakidze (Fotografie) und Annina Lehmann (Text) 

Goethe Institut Georgien, Tiflis 

7.10. - 5.11.2021 

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In der Mittagshitze ist es still über dem Meer von Tbilisi. Eine steile betonierte Treppe führt unter schattigen Bäumen hinauf zur ehemaligen Herzklinik, seit Jahrzehnten eine Unterkunft für Vertriebene aus Abkhazien. Wäsche trocknet auf Leinen, die im offenen Treppenhaus gespannt sind. Ein Windhauch weht hindurch, dann erklingt ein Flügelschlag. Unter der hohen Decke in einem kleinen Loch im Beton, hat sich eine Schwalbe verfangen. Ihr Körper hängt schlaff herunter, ihr Kopf steckt fest. Für ein paar Minuten flattert sie panisch herum und versucht sich zu befreien. Dann schwankt sie erschöpft im Wind. Ein paar Anwohner kommen vorbei und schauen hinauf, erschöpfte Mütter mit ihren Kindern und ein alter Mann. Sie sind nicht überrascht von dem Anblick. Sie zucken mit den Schultern. Die Decke ist zu hoch. Die Schwalbe bewegt sich kaum noch. Dann beginnt sie wieder, mit den Flügeln um sich zu schlagen.

". . . auf dem Dach ein Wald" ist eine Ausstellung der georgischen Fotokünstlerin Tako Robakidze und der deutschen Autorin und Journalistin Annina Lehmann am Goethe Institut Georgien. 

Was bedeutet es, ein Zuhause zu haben? Es bedeutet, ein Dach über dem Kopf, Sicherheit, ein Gefühl der Geborgenheit. Es bedeutet auch, einen Platz in einer Gemeinschaft zu haben, von der Umgebung anerkannt zu werden. Zuhause in Abkhazien hatten all diese Menschen ein Haus, eine Arbeit, Freunde, Nachbarn, eine Rolle in der Gemeinschaft. Im heutigen Georgien, in den Notunterkünften von Tskaltubo und Tbilisi, und sonst verstreut im Land, sind sie haltlos. Die Anerkennung, das Zuhören, der Blick auf diese Gesichter, die Gestalten und Schicksale ist noch keine Lösung für den Zustand. Aber es ist ein erster Schritt, den Blick zu heben – ein Blick, der in die Vergangenheit führt, aber damit auch in die Zukunft. 

Die Menschen, die seit 29 Jahren in baufälligen Sanatorien und ehemaligen Kliniken leben, in Tskaltubo, in Tbilisi, überall im Land, sie sind ein Überbleibsel einer vergangenen Zeit, die man am liebsten einfach vergessen würde. Sie sind eine Erinnerung an die tragische Wendung, die Georgien durchgemacht hat, seitdem die Sowjetunion auseinanderfiel, und auch eine Erinnerung an die Fehler, die damals und seitdem begangen wurden. An all die schrecklichen Dinge, die in den 1990er Jahren passierten, an das Chaos, an die Ungerechtigkeit, and die Schicksalsschläge, die in Form von Krieg und Kriminalität in das Leben der Menschen einbrachen.

In dem Moment, bevor der Auslöser der Kamera klickt, sind sie ganz da, im Hier und Jetzt. Sie halten still, drehen vielleicht ihren Kopf noch einmal, blinzeln, sie warten gespannt. Es ist eine andere Art des Wartens als die, die sie seit 29 Jahren gefangen hält. Es ist ein Warten das spricht, denn es weiß, dass es gehört wird. Hinter der Kamera steht nicht nur die Fotografin. Dahinter stehen auch alle anderen Betrachter, dort stehen wir, die ihnen in diesem Augenblick endlich Aufmerksamkeit schenken. Sie sind nicht länger unsichtbar. Sie sind da.

 

 

Text: Annina Lehmann 

Fotos: Tako Robakidze 

2021

 

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