Durch das dunklen Zimmer in den leuchtenden Wald
Über die Arbeiten von Marlene Hundt

Eingesperrt / Im November, 2019. Pastell, charcol and canvas, 70x50cm. Courtesy of Marlene

Eingesperrt / Im November, 2019. Pastell, charcoal and canvas, 70 x 50 cm. Courtesy of Marlene Hundt

Da ist ein Wald, und in dem Wald da steht ein Haus, und in dem Haus da ist ein Zimmer, und in dem Zimmer steht eine Lampe, und diese Lampe ist ausgeschaltet. Es ist dunkel. Aber die Tür steht einen Spalt breit offen, und daraus strömt Licht.

 

Das dunkle Zimmer ist Schutzort und Kerker zugleich, Höhle und Gefängnis. Es lädt zum

Verweilen ein, doch Verweilen ist trügerisch: In der Dunkelheit dehnt sich die Zeit und aus einer Weile wird ein tiefer Brunnen, aus dem nur schwer wieder heraus zu klettern ist.

 

When I go by myself to the well of loneliness / I sit down and I go through my trouble 

Anonymous poem, 8th century, Ireland 

 

Wie wird man zur Herrin der Zeit?Durch Bewegung. Mal langsam wie der Gang der Sonne, dann wieder schnell wie der Wind, der im Wald durch die Blätter fegt. Jedes Bild hat seine eigene Zeit. Das Auge wandert, und die Gedanken wandern mit. Und sobald man sich hinaus gewagt hat, hinein in den Wald, erspäht man Pfade und Wege, wiederkehrende Muster und Zeichen. Das Eine steht im Bezug zu dem Anderen, und wo Dunkelheit war, sind Licht und Farben.

 

Im Wald ist man nicht mehr einsam, im Wald ist man höchstens allein, endlich. Allein mit den Baumkronen und dem See, allein mit den Jahreszeiten und den Geräuschen der Tiere. Es riecht gut. „Die Jugend von heute muss lernen allein zu sein,“ sagte Andrej Tarkovsky mal im Jahr 1983. Dabei saß er in einem Baum, der Baum stand neben einem Fluss, der Fluss floss neben einem schnaubenden Pferd...

 

In der Natur kann man allein sein und doch nicht einsam, weil alles miteinander in Verbindung steht. Und man muss nicht einmal etwas dafür tun: man ist einfach und ist genug. Es kommt einer unendlichen Erleichterung gleich.

 

„Manche Menschen beschreiben, dass sie sich das erste Mal lebendig gefühlt haben, als sie das erste Mal von etwas berührt waren,“ schreibt Marlene Hundt. „Etwas, was schon da ist auf dieser Welt, hat sich mit ihnen verknüpft.“

 

Eine Galerie ist kein Wald, aber vielleicht kann man in beiden auf eine ähnliche Art spazieren gehen. Man kann Spuren lesen, Verbindungen erkennen, sich Pfade bahnen, stehen bleiben und sich selbst ein bisschen vergessen. Und wie im Märchen stehen einem die Tiere als Begleiter zur Seite: Ameisen, Krähen, schwarze Katzen, Hunde und Eintagsfliegen, gelegentlich auch ein Engel. Sie leben in anderen Dimensionen und teilen doch unsere Welt. Sie bewegen sich mit einer Art lässiger Gleichgültigkeit durch die Bilder, krabbeln am Rand entlang oder verschwinden mit einem Schwenk des Katzenschwanzes um die Ecke.

 

Wir bleiben da als Betrachter und bleiben auf der Suche und voller Sehnsucht, die uns

heimsucht wie ein Vogel. Ein Vogel, den wir füttern, immer wieder.

 

Die Arbeiten von Marlene Hundt liefern uns kein Ankommen, keinen Ausweg aus der Suche. Aber sie lassen uns die Fragen erspüren, die wir alle mit uns herum tragen, mal mehr, mal weniger bewusst. Wie stellen wir uns dem Leben? Woran halten wir uns fest?

 

Die Malerei ist vielleicht immer ein Versuch, etwas fest zu halten, etwas zu bewahren, zu

ordnen, zu begreifen. In den Arbeiten in diesem Katalog treffen sich der Versuch und die Ahnung seiner Unmöglichkeit: Die Bilder treten über ihren Rand hinaus, wachsen zu Collagen und räumlichen Installationen heran, werden zu einer verzweigten Sammlung von Eindrücken und Stimmungen. Dadurch lenken sie die Aufmerksamkeit auf das Dazwischen, auf das, was nicht Sichtbar ist. (Mir scheint als zögen sie ihre besondere Wirkung gerade aus diesem Dazwischen, aus dem Unsichtbaren, das verbindet aber nie ganz greifbar wird und dadurch ein geheimes Eigenleben bewahrt.)

 

Was bleibt von diesem Spaziergang sind nicht so sehr Aussagen über die Welt, den Menschen, die Natur, die Einsamkeit oder die Sehnsucht – vielmehr ist es eine Art der Haltung gegenüber alledem. Wie im Blues ist diese Haltung von Melancholie geprägt, zugleich aber auch von einer großen Leidenschaft dem Leben gegenüber. Wie im Blues klingt aus den Arbeiten eine Aufforderung zur Hingabe an den Moment. Der trägt in seiner Sinnlichkeit auch immer den Schmerz des Verlustes in sich. Und ein voran schreitendes Trotzdem. Licht fällt durch den Spalt. Etwas leuchtet im Dunkeln.

Annina Lehmann